Electro und New Wave Tunes mit literarischen Zeilen

Masha Qrella – Geister

Masha Qrellas ebenso leichtfüßige wie schwermütige Vertonung eines lyrischen Textes – aus dem Werk von Thomas Brasch – bewog die Musikredaktion von LOHRO, den Track „Geister“ der Berliner Musikerin zum Titel der Woche zu erklären.

Masha Qrella
Masha Qrella, Foto: Claudia Rorarius

Im Winter 2019 präsentierte Masha Qrella erstmals ein Musikprojekt, für das sie Texte des Autors Thomas Brasch vertonte. Die Bühnenshow fand im HAU Hebbel-am-Ufer, einem Theater in Berlin, statt und darf wohl zu einem jener Abende gezählt werden, an denen man selbst gerne dabei gewesen wäre. Mit von der Partie waren Dirk Von Lowtzow (Sänger der Hamburger Band Tocotronic), Andreas Spechtl (Sänger der österreichischen Band Ja, Panik, die mittlerweile in Berlin ansässig ist), das Berliner Electronic-Duo Tarwater und Marion Brasch, die Schwester des bereits 2001 früh verstorbenen Thomas Brasch.
Wer dem Auftritt der Berliner Sängerin und ihrer Gäste nicht live beiwohnen konnte, wer sich die Veranstaltung wieder in Erinnerung rufen möchte, sowie alle weiteren Interessierten, dürften sich freuen, wenn nun das Album „Woanders“ erscheint, auf dem ebenfalls die vorgenannten Künstler als Feature-Gäste vertreten sein werden. Der Erscheinungstermin für die Doppel-LP wurde bewusst auf den Tag von Thomas Braschs Geburtstag gelegt, den 19. Februar 2021. Der Schriftsteller wäre im kommenden Jahr 76 Jahre alt geworden.
„Geister“ ist die erste Single-Auskopplung aus diesem Album. Besonders einprägend wirken die sich wiederholenden Textzeilen:

„Wie soll ich dir das beschreiben? Ich kann nicht Tanzen. Ich warte nur. In einem Saal aus Stille. Hier treiben Geister ihren Tanz gegen die Uhr!“

Braschs (von Qrella gesungene) Worte verbinden sich mit einer klaren Songstruktur. Diese besitzt die Qualität, den Zeilen zusätzliche Kraft zu geben und versetzt sie durch eine aktuelle musikalische Interpretation in die Jetzt-Zeit. Beats, Synthesizer, Klavier und Qrellas sensible Darbietung zwischen Gesang und Sprechgesang lassen die Hörer*innen eindrucksvoll teilhaben an der Situation des Lyrischen Ichs in besagtem Warte- oder Tanzsaal, etwas verloren, ein wenig melancholisch, in Tatenlosigkeit das Ende des Tanzes abwartend.
Qrella wurde durch den Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ von Marion Brasch, einer Familiengeschichte aus der DDR, auf deren Bruder Thomas aufmerksam. Sie begann seine Texte zu lesen, von denen sie selbst sagt, es seien „Texte, die mich einfach nicht mehr losließen!“ Ihre Beweggründe dafür, seine Worte dann auch zu vertonen, beschreibt sie folgendermaßen (Quelle):

„Seine Texte berühren das, was wir glauben verloren zu haben, und geben gleichzeitig eine Antwort für eine mögliche Haltung. Er war Utopist, Visionär, Künstler und Mensch. Thomas Brasch ist tot. Menschen wie er fehlen. Genauso wie Utopien. Aber seine Texte gibt es noch. Ich will, dass sie weiterleben und uns inspirieren.“

Wer nun gerne bei Thomas Brasch weiterlesen möchte: Verlegt wurden seine Prosa und Gedichte im Suhrkamp-Verlag, der Qrellas Musikprojekt ebenfalls unterstützte. Wohl nicht zuletzt, weil Brasch sich selbst eine Vertonung seiner Texte gewünscht hatte und dieser Wunsch nun posthum durch Qrellas Projekt in Erfüllung gehen konnte.

Titel: Geister
Interpret: Masha Qrella
Album: Woanders (erscheint voraussichtlich am 19.02.2021)
Label: Staatsakt/Bertus/Zebralution

Die weiteren Titel unserer Heavy Rotation in der KW 50/2020

LOHROtation

Den Beitrag zu allen fünf Songs der LOHROtation könnt ihr in der LOHRO-Mediathek nachhören.

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