Mit dem Rubbellos am Schlüsselband – Post-Punk aus London

Dry Cleaning – Scratchcard Lanyard

Das britische Quartett Dry Cleaning gilt noch als Geheimtipp – ihre Single „Scratchcard Lanyard“ erhielt nun von LOHRO das Prädikat „Titel der Woche“. Bereits die Entstehungsgeschichte der Band ist erzählenswert. Es spielen eine Rolle: ein Karaoke-Abend, drei Freunde und eine Sängerin ohne musikalische Erfahrung.

Dry Cleaning
Dry Cleaning Pressefoto: Pooneh Ghana

Um es etwas konkreter zu machen: Lewis Maynard (Bass), Nick Buxton (Schlagzeug) und Tom Dowse (Gitarre) waren bereits länger miteinander befreundet, als an besagtem Karaoke-Abend die Idee entstand, eine Band zu gründen. Keiner der drei hatte offenbar die geeignete Gesangsstimme und an diesem Punkt kam Florence Shaw ins Spiel. Sie ist Picture Researcher, Universitätsdozentin und mit Dowse bekannt, seit die beiden am Royal College of Arts studierten – jedoch war sie noch nie zuvor als Sängerin aufgetreten. Aus diesem Grund und um Shaw den Einstieg zu erleichtern, las sie zuerst ihre Texte einfach vor, während die anderen Bandmitglieder dazu spielten. Eine Sammlung von Gedanken, die Shaw in ihrem Handy gespeichert hatte, wurde zur Textquelle. In einem Interview mit dem Musikmagazin Stereogum erzählte sie (Quelle):

“When I was asked to try it out and if I was interested to do some vocals, I just printed them all out and took them along in no particular order […]. Just in chronological order off my phone, eight or nine pages of just line, line, line. And I just read them out fairly randomly over the top of what the guys were doing, just to see if it would sound crap or good.”

Übersetzt bedeutet das in etwa:

„Als ich gefragt wurde, ob ich es ausprobieren möchte, habe ich sie einfach alle ausgedruckt und in keiner bestimmten Reihenfolge mitgenommen […]. Einfach in chronologischer Reihenfolge von meinem Telefon, acht oder neun Seiten, einfach Zeile, Zeile, Zeile. Und ich las sie einfach wahllos über dem, was die Jungs taten, vor, nur um zu sehen, ob es sich gut oder schlecht anhören würde.“

Es mag eine ungewohnte Herangehensweise gewesen sein, prägte den Stil der Band allerdings offenbar nachhaltig. Denn Shaw blieb dem Spoken-Word weiterhin treu. Ihre Texte wirken wie ein Stream of Consciousness, ein Bewusstseinsstrom, wie er auch als literarische Erzähltechnik verwendet wird. Auch deshalb wird ihrer Songlyrik wohl eine Nähe zur Beatnik-Literatur attestiert. Sie nutzt Beobachtungen, flicht Wörter oder Phrasen voll bizarrer Schönheit ein, stellt Alltägliches neben Unkonventionelles und erschafft damit eine eigenartige Stimmung. Es ist wie bei einem Puzzlespiel – jedes Teil hat seine Funktion im Gefüge und wirkt auf das Bild ein, das Shaw schlussendlich mit ihren Worten malt. Auch „Scratchcard Lanyard“ ist voll von diesen kleinen Anspielungen und Wortspielen. Kostprobe gefällig? Da ist die Rede von Rio de Janeiro-Hüpfball-Filtern, Strickkreisen und alten Sandwiches in Taschen – und natürlich von dem titelgebenden Rubbellos mit Schlüsselband. Die Band sagt zum Inhalt des Songs:

“In the search for your true calling in life, it’s easy to try so many things that you end up confused. It can lead to an enormous build-up of frustration. You may fantasise about exacting revenge upon your real or imagined enemies. Ephemeral things and small-scale escapist experiences can provide some relief!”

Was man etwa wie folgt übersetzen könnte:

“Auf der Suche nach der wahren Berufung im Leben ist es leicht, so viele Dinge auszuprobieren, dass man am Ende verwirrt ist. Das kann zu einer enormen Anhäufung von Frustration führen. Man phantasiert vielleicht darüber, sich an seinen echten oder eingebildeten Feinden zu rächen. Flüchtige Dinge und kleine Eskapismus-Erlebnisse können etwas Abhilfe schaffen!“

Den Ton bei „Scratchcard Lanyard“ gibt die Basslinie an. Die Musik ist klar und unkompliziert. Einflüsse meint man viele zu entdecken im Sound des Titels – vom Post-Punk solcher Bands wie Joy Division bis zu der US-amerikanischen Alternative-Rockband Sonic Youth, glaubt man Elemente zu finden. Bereits frühe Inspiration für die Band waren The Feelies, The Necessaries, The B-52s und Pylon.

Das Musikvideo zu „Scratchcard Lanyard“ drehte das britische Design-Duo Rottingdean Bazaar. In einer Box, die vor Shaws Kopf angebracht ist, befindet sich ein Miniaturraum, eine Bar mit DJ-Pult, Tanzfläche und Bühne. Umrahmt vom Bühnenvorhang sieht man Shaws Gesicht – übergroß im Vergleich zur Einrichtung und zu den Figuren, die sich in der Mini-Bar bewegen. Möglicherweise fällt einem zu dieser Konstruktion das Wort „Kopfkino“ ein. Und da schließt sich wieder der Kreis zu Shaws Erzählweise, die Bilder im Kopf entstehen lässt.

Titel: Scratchcard Landyard
Interpret: Dry Cleaning
Album: tba.
Label: 4AD

Die weiteren Titel unserer Heavy Rotation in der KW 5/21

LOHROtation

Den Beitrag zu allen fünf Songs der LOHROtation könnt ihr in der LOHRO-Mediathek nachhören.

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