The Regrettes – Poor Boy

Mit frischem Garage-Punk lehnen die Kalifornier lautstark die Vorstellung ab, dass Opfer sexueller Gewalt schweigen sollten. Unser Titel der Woche kritisiert die Rollenverschiebung in einem politischen Fall der jüngsten Geschichte in den USA.

Photo Credit: Claire Marie Vogel

Das junge Pop-Punk-Trio aus Los Angeles, bestehend aus Lydia Night (18, Gesang/Gitarre), Genessa Gariano (21, Gitarre) und Drew Thomsen (21, Schlagzeug), hat sich längst über die Grenzen zwischen Pop, Surf Rock, Alternative Rock und ihren Punk-Einflüssen hinweggesetzt. Seit der Bandgründung 2015 ging Frontfrau Lydia mit wechselnden Mitgliedern ihren musikalischen Weg, seit Ende November nun zu viert mit Bassist Brooke Dickson. Mit Stolz schreiben sie unerschrockene Titel, in denen sie Gefühl und Haltung zeigen, vergleichbar wie Courtney Barnett oder Karen O. Dazu mischen sie eine Pop-Ästhetik, die an 1950er und 1960er Acts, wie The Temptations oder Buddy Holly, erinnert.

Der Titel wurde während der Kongressanhörungen von Brett Kavanaugh geschrieben, wo geprüft wurde, ob er, nominiert von Präsident Trump für den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, Christine Blasey Ford sexuell angegriffen hat. Dazu Sängerin Lydia:

Poor Boy’ was written at a time of being completely fed up and disgusted by all of the awful humans who think it’s okay to assault and rape others. This one is for Kavanaugh and all the other nasty men who think that this behavior is okay in any capacity. We won’t accept it and we will continue to fight against it.

(Deutsch: „Poor Boy“ wurde zu einer Zeit geschrieben, als [ich] komplett die Schnauze voll hatte und angewidert war von den schlimmen Menschen, die glauben es ist okay andere anzugreifen und zu vergewaltigen. Das ist ein Song für Kavanaugh und alle anderen garstigen Männer, die glauben ihr Verhalten sei in irgendeiner Form okay. Wir werden das nicht akzeptieren und weiterhin dagegen kämpfen.)

Es ist die musikalische Enttäuschung  über seine Berufung als Richter, dass es für die Mehrheit der gewählten Volksvertreter im US-Senat nicht so wichtig war, ob die Behauptungen einer Frau wegen sexuellem Fehlverhalten oder Vergewaltigung geglaubt wurden oder nicht. Kavanaugh soll den größten Teil der Anhörungen damit verbracht haben, von den Anschuldigungen gegen ihn abzulenken und sich selbst als Opfer zu sehen, da sein Leben aufgrund der Beschuldigungen zerstört sei.

Poor boy
What you gonna do? These girls are coming for you!

(Deutsch in etwa: Armer Junge, was wirst du tun? Diese Mädchen kommen wegen dir [gemeint: „um dich zu holen“]!)

In bestem Garage-Punk, oder genauer Riot Grrrl, thematisieren The Regrettes in ihrem Protestsong die Art und Weise, wie Menschen Opfer von sexuellen Übergriffen als die Verantwortlichen betrachten sowie die Schuldigen als vermeintliche Opfer. Sie verweigern sich der Ansicht, dass Opfer sexueller Gewalt schweigen sollten: Angesichts solch eines tragischen Ereignisses ist es leicht, sich entmutigt und machtlos zu fühlen. Doch gerade in diesen Zeiten müssen wir am meisten wütend sein und auf eine bessere Zukunft hinarbeiten, das entschlossen in „Poor Boy“ zum Ausdruck gebracht wird.

Das Musikvideo endet mit einem Verweis auf die US-Organisation RAINN [ugs. dt.: Nationales Netzwerk gegen Vergewaltigung, Missbrauch und Inzest] sowie deren Telefonnummer 800.656.HOPE, an die sich Opfer von sexuellen Übergriffen 24/7 vertraulich wenden können.

Wir brauchen mehr Bands wie The Regrettes, die ihre musikalische Öffentlichkeit positiv nutzen und über Gefahren realer Situationen sowie über politische Probleme informieren.

Titel: Poor Boy
Interpret: The Regrettes
Label: Warner Bros. Records Inc.
VÖ: 16. November 2018
Album: – (Standalone Single)

Die weiteren Titel unserer Heavy Rotation in KW 49/18

LOHROtation

Ihr könnt an dieser Stelle unseren LOHROtations-Beitrag nachhören, hier bitteschön – mit Liebe für euch erstellt:

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