Moscow Death Brigade – Boltcutter

Die selbtstitulierte „Circle-Pit-Hip-Hop“-Crew bringt mit ordentlich Drum ’n’ Bass die gleichnamige Single ihres Album „Boltcutter“ als Titel der Woche vorbei. Spasibo!

https://www.youtube.com/watch?v=7NKU27R2OSc&feature=youtu.be Screenshot des offiziellen Videos

Die Band

Das Kollektiv mit dem martialischen Namen Moscow Death Brigade [MDB] (russ.: Московская Бригада Смерти) hat am vergangenen Freitag (26.01.) ihr lang erwartetes erstes Album „Boltcutter“ rausgebracht und die gleichnamige Singleauskopplung vorab, als zweite Single des Albums veröffentlicht.

Die Musik von MDB zeichnet sich vor allem durch eine einmalige Genremelange aus: Neben den omnipräsenten aggressiven Raps der MCs finden sich härtere sample-basierte Hip-Hop-Beats, Hardcore-Gitarren-Beats und, vor allem auf dem neuen Werk, sehr viele brachiale Techno- und Drum ’n’ Bass-Elemente — eben der „Circle-Pit-Hip-Hop“.

 

Der Bolzenschneider

Textlich greifen MDB eine weite Bandbreite von sozialkritischen und idealistischen Themen auf, ohne aber auch klassische Hip-Hop-Selbstreferenzen zu vergessen. Ein Grund warum sie, neben einer Selbsteinordnung, vor allem als linke Band aus dem russischen Antifa-Spektrum wahrgenommen wird. Dass diese Einordnung aber der Tiefe der Band nur bedingt gerecht wird, zeigt eben auch die neue Single. Der „Boltcutter“ (dt.: Bolzenschneider) ist für die Jungs ein universelles Werkzeug mit direkter und übertragener Bedeutung:

Der Titel „Boltcutter“ ist der Inbegriff eines Werkzeugs der Freiheit, ein Utensil, das Ketten, Zäune und Käfige zerstört, ein universaler Schlüssel für jede Stadt. […]
Der Titel-Track “Boltcutter” handelt vom gleichnamigen Werkzeug, welches symbolisch für Gruppen wie Graffiti-Sprayer, Tierrechts-Schützer und Menschen, die Menschenhandel und das korrupte Justiz-System bekämpfen, steht.

Besonders der Gedanke eines Bolzenschneiders als „Stadtschlüssel“ bekommt mit der festen Verwurzelung des Kollektivs als Graffiti-Künstler einen ganz pragmatischen Tonfall, der sich als antiauthoritär und als künstlerische Möglichkeit des Ausdrucks für Jugendliche versteht. Dass die radikal anmutenden Elemente des Bolzenschneiders wie Verletzungen, Sachbeschädigung oder Anarchie durchaus auch selbstironisch gebrochen und übertrieben erscheinen können, zeigt MDB mit einigem Humor auch im Raptext. In der deutschen Übersetzung:

Ich habe eine Menge von großzügig [zu gebenden] Texten, laute und liebenswerte Riddims,
[die] Kritiker anstinken, Pilzgehirn-Klicker und Gar-Kein-Hirn-Typen.
Knusprige Reime, zu schwer zu verstehen und dann ist mein Akzent noch so schlecht und furchtbar! […]
Unsere Fans sind wie Heuschrecken
Acid-Bass auflegende Trash-Metal Verrückte!
Die haben ’ne Menge Drehmoment [gemeint ist Energie, bzw. „Durchdreh-Moment“], Fackeln, Sensen, Sicheln, Beile und Heugabeln.

Die Musik

Musikalisch gesehen lebt der Song nach der Maxime weniger ist mehr: Der Drum and Bass-Beat ist einfach, nahezu stereotypisch. Angereichert mit sparsam plazierten acidhaften Synthesizern-Tönen, sticht vor allem der harte Sprechgesang von Vlad und Ski Mask G heraus, der zwar unkonventionell ist, aber dessen rabiater Flow sich hervorragend mit der Musik verbindet. Wenngleich die Toasting-Attitüde und Melodieführungen fehlen (hier ist das Vokale ganz Rap), fühlt man sich trotzdem an klassische jamaikanische und britische Jungle-Produktionen erinnert: Breakbeats, Vocals und Message. Auch benutzen MDB teils Sprachbilder aus dem Reggae und Dancehall, ohne deren meist homophobe Message zu teilen, sondern sie positionieren sich deutlich gegen Schwulenhass.

Die musikalische Legierungsabsicht von MDB erklärt sich aus dem allgemein stark vertretenen „Unity-Gedanken“ der Gruppe. Hip-Hop-Fans, Metalheads, Skater, Punks, Skins, Technohörer*Innen – alle sollten statt sich untereinander zu bekriegen, gemeinsam gegen wirkliche Menschenfeinde wie Neonazis, Rassist*Innen, Homophobe, Sexist*Innen etc. pp. stehen.
Das ist selbsterklärtes Ziel der Band und speist sich aus den Erfahrungen der Musiker, vor allem aus den 90er und nuller Jahren, bei denen in Russland Neonazis Mitglieder von linken und subkulturellen Szenen ermordeten (bspw. Iwan Chutorskoi), während untereinander verschiedene Musikszenen Art Bandenfehden führten.

 

Fazit und Kritisches

Für uns begründet sich die Würdigung als Titel der Woche besonders in der Schlichtheit und doch positiv-kraftvollen Art der Musik, in der klaren humanistischen Haltung und den Genreüberschreitungen der Band.

Dass MDB natürlich nicht unkritisch betrachtet wird und werden sollte, steht dem in keinster Weise entgegen. So gab es bereits vor einigen Jahren Kritik innerhalb der Linken an MDB, dass deren martialisches Auftreten selber eine Art von Chauvinismus sei und die Band einem sinnentleerten Antifaschismus aus Vermarktungsgründen anhinge. MDB hat in mehreren Statements und Interviews diesen Anschuldigungen glaubhaft widersprochen und verweist vor allem auf die noch immer gefährlichen Umstände und somit Unterschiede der emanzipatorischen und alternativen Szenen in Russland (verglichen mit Westeuropa). Hier liegt z.B. auch die Erklärung für die bedrohlich wirkenden Balaklavas der Mitglieder.

Und auch die Klassifizierung als Antifa-Band mit einem allgemeingültigen Lösungsansatz will Moscow Death Brigade so gar nicht gelten lassen:

Es ist wichtig zu erwähnen, dass wir uns niemals als politische Band betrachten, auch nicht als Kämpfer für Gerechtigkeit, harte Kerle oder Prediger einer absoluten Wahrheit. Unser Hauptziel war und ist es, Musik zu machen. Aber seit wir die Angriffe auf dunkelhäutige Menschen gesehen haben, auf die Mitglieder der DIY-Szene, hatten wir keine andere Wahl, als uns gegen Gewalt und Diskriminierung zu äußern.

sowie

Im Grunde sind wir stinknormale Kids, die Bock darauf haben, Musik zu machen, Graffiti zu sprayen, au[f] Shows zu gehen und Videospiele zu spielen. Wir haben einfach keine Geduld für hasserfüllten Mist.

Hier sind eindeutige Parallelen von MDB zu ihren Freunden Feine Sahne Fischfilet zu erkennen, die auch deutlich bescheidener ihr Standing nach außen tragen.

Zu guter letzt müssen wir euch – auch als Hörmedium – noch das Musikvideo zu „Boltcutter“ ans Herz legen: In detaillverliebter und witziger Art huldigen MDB ihrer Liebe zu alten Videospielen und dem Graffiti sprayen, ohne natürlich zu vergessen, gegen Hass, Authoritäten und Krieg auszuteilen.

 

Quellen

Interpret: Moscow Death Brigade
Song: Boltcutter
Album: Boltcutter
VÖ-Datum: 26.01.2018
Label: Fire and Flames Music

Die weiteren Titel unserer Heavy Rotation in KW 5/18

NE! SO NICH‘! DER TEXT IS‘ JA VIEL ZU LANG ZUM LESEN! – Okay, dann kannst du hier den Beitrag nachhören! 🙂 :

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