Rostocker Alan Kurdi-Kapitänin Bärbel Beuse im Gespräch

Ein halbes Jahr lang war die Rostockerin Bärbel Beuse Kapitänin des Sea-Eye-Rettungsschiffs Alan Kurdi. Dabei hat sie hunderten von geflüchteten Menschen im Mittelmeer das Leben gerettet. Auf ihrer letzten Mission musste sie 36 Tage lang mit 146 Geflüchteten auf dem Schiff ausharren, bevor sie in dem Hafen von Palermo anlegen durfte. In unserem dieswöchigen Kunterbunten Donnerstag spricht sie über ihre bewegenden Erlebnisse auf See und das Leben auf einem Rettungsschiff im Mittelmeer.

Quelle: Sea Eye

Die Hanse- und Universitätsstadt Rostock kam bei der privaten Seenotorganisation Sea Eye im letzten halben Jahr gleich doppelt zu Einsatz. Zum einen hat das Schiff, die Alan Kurdi selbst, eine Rostocker Vergangenheit.
Früher war die Alan Kurdi nämlich unter anderem Namen ein Forschungsschiff der DDR, das nach der Wende für das Institut für Ostseeforschung in Warnemünde eingesetzt wurde. Seit 2018 wird es nun von Sea Eye unter deutscher Flagge zur Seenotrettung im Mittelmeer eingesetzt.

Zum anderen war auch seit Oktober 2019 die Rostockerin Bärbel Beuse Kapitänin der Alan Kurdi und war somit für die jeweiligen Seenotrettungen verantwortlich.

Immer wieder wurde die Alan Kurdi angegriffen und bedroht. Am 26. Oktober 2019, auf Beuses erster Mission, gab beispielsweise eine vermeintlich libysche Miliz auf einem Schnellboot Warnschüsse in Richtung der Alan Kurdi ab und blockierte die Mission, indem sie sich zwischen das Rettungsschiff und im Mittelmeer treibende Menschen ohne Schwimmweste stellten.

Als Kapitänin muss ich gerade auch in solchen Situationen der Crew Zuversicht ausstrahlen.

 

Die Alan Kurdi muss Angriffe überstehen, die sich ihrer grundsätzlichen Arbeit, dem Ziel, Menschen aus dem Mittelmeer zu bergen, entschlossen entgegenstellen. Dabei geht die gesamte Crew bis an ihre Grenzen und schafft es am Ende immer wieder, dutzende Geflüchtete trotz schwierigster Umstände zu retten. Bei besagtem Einsatz Ende Oktober konnte die Sea-Eye-Crew 91 in Seenot geratene Menschen bergen. Wie schwierig es sich auch ohne zusätzliche Angriffe gestaltet, all diese Menschen zu retten, liegt auch an dem Zustand, in dem sie sich bei der Rettung bereits befinden.

Die Situation von Migrant*innen auf deren Schlauchbooten, bevor sie von der Alan Kurdi gerettet werden, beschreibt Beuse mit diesen Worten:

 

Die Sonne brennt von oben, Trinkwasser ist nicht ausreichend vorhanden, es gibt weder Essen noch Toiletten an Bord. In vielen Booten läuft der Treibstoff aus und die Menschen sitzen dann tagelang in dieser Brühe von Salzwasser, Exkrementen und Benzin.

 

Im April 2020 war die Alan Kurdi aufgrund der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie das einzige aktive Rettungsschiff im Mittelmeer und Beuse begab sich mit ihrem Schiff auf eine Mission, auf die sie eigentlich nicht vorbereitet waren. 150 Menschen wurden von zwei Holzbooten auf hoher See geborgen. Die Aktion wurde jedoch erneut von einem Boot mit libyscher Flagge gestört, indem Schüsse in die Luft abgegeben wurden. Daraufhin seien einige Menschen von Bord eines der Holzboote gesprungen aus der Angst, dass man sie in ihre jeweiligen Staaten zurückholen würde. Die Rettungsaktion konnte am Ende jedoch erfolgreich beendet werden und die Alan Kurdi begab sich, nachdem man nicht nach Lampedusa durfte, in Richtung italienischer Gewässer. Es wurde dann jedoch von der italienischen Regierung privaten Rettungsschiffen untersagt, in ihre Häfen einzufahren und so harrte die Alan Kurdi mit 146 Menschen 20 Seemeilen vor der sizilianischen Hauptstadt Palermo aus. Und das für insgesamt 2 Wochen. 146 deshalb, weil nach einem Selbstmordversuch und gesundheitlicher Probleme den jeweiligen Geflüchteten gestattet wurde, an Land zu gehen.

 

Hätte ich ein Kreuzfahrtschiff gefunden, das untergegangen ist, und hätte ich 150 Kreuzfahrpassagiere an Bord, wären die mit Kusshand von Malta oder Lampedusa aufgenommen worden.

 

Die Bedingungen auf dem völlig überfüllten Rettungsschiff waren äußerst prekär. Lebensmittel gingen aus, medizinische Versorgung ging aus und die Geflüchteten zweifelten daran, nicht in ihre Herkunftsländer abgeschoben zu werden. Somit wuchs die Verzweiflung der Menschen an und es begannen Ausschreitungen untereinander. Schließlich und endlich wurden die 146 Migrant*innen von der Alan Kurdi auf ein Quarantäne-Schiff verlegt, auf dem sie 2 Wochen in Quarantäne bleiben mussten. Die Crew rund um Bärbel Beuse musste auf der Alan Kurdi in Quarantäne bleiben.

 

Die Quarantäne beginnt erst ab dem Zeitpunkt, in dem man in italienische Gewässer eintritt – was sie uns ja vorhin verweigert hatten.

 

Wieder nach Rostock zurückgekehrt, blickt Beuse nun zurück auf ein halbes Jahr auf der Alan Kurdi als Kapitänin des Seenotretters, der derzeit noch im Hafen von Palermo festgehalten wird.

Sie erzählt von einem äußerst turbulenten Abschnitt in ihrer Laufbahn als eine von gerade mal zehn Kapitäninnen Deutschlands.

 

Der Kunterbunte Donnerstag: LOHRO-Redakteur Lukas Hochleitner im Gespräch mit Bärbel Beuse – hier zum Nachhören!

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